leseprobe: Wenn der Hummer kocht, dann pfeift er
Brötchen
Der heldenhafte Kampf gegen Schamhaare im Teig
Eine der markantesten Meldungen aus dem Katastrophenkästchen des Ekel- Journalismus, war die denkwürdige Verlautbarung, dass sich in unseren deutschen Brötchen Stoffe befänden, die aus "Schamhaaren thailändischer Prostituierter" gewonnen würden. Abgesehen von der durchaus interessanten Vorstellung, dass deutsche Abgesandte der Bäckerinnung in Thailand vor Ort und in situ den begehrten Rohstoff ernten, verbarg sich bei genauerem Hinsehen hinter dem kleinen Sensationsschocker lediglich der schlichte Umstand, dass von der Lebensmittelchemie für die Gewinnung eines Teigzusatzes asiatisches Menschen(haupt!)haar als Ausgangsprodukt verwandt wurde. Bei diesem Stoff handelte es sich um Cystein, eine Aminosäure, die auch synthetisch herstellbar ist und den industriell vorproduzierten Brot- und Brötchenfertigmischungen zugesetzt wurde, um den Teig geschmeidiger zu machen und ein Verkleben mit den Knetmaschinen zu verhindern. Was ja recht angenehm ist. Wenn man Bäcker ist.
"Ist ja widerlich!", schrie die Konsumentenschaft unisono auf. Den Backmittelherstellern fuhr daraufhin der Schreck in die Glieder und man verzichtete auf einen weiteren Einsatz von Cystein aus Menschenhaar – freiwillig. Brüssel aber setzte sich schließlich heldenhaft an die Spitze der Bewegung und verfügte eisenhart und mit Wirkung vom 1. April 2001 mittels einer EU-Verordnung, dass Cystein aus Menschenhaar nicht mehr verwendet werden darf. Da war man beeindruckt, als Konsument.
Cystein darf seitdem bestenfalls noch aus Schweineborsten gewonnen werden. Da ist man platt. Selbst als Bäcker.
«ZurückFeldsalat
Wie die Petersilie zur märchenhaften Rapunzel wurde
Das amouröse Gejammer des Prinzen am Fuße des Turms kennt jeder: "Rapunzel, Rapunzel, lass Dein Haar herunter!" Auch das Bild vom blonden Punzelchen, wie es sein güldenes Haar den Zwinger hinab lässt, an dem der Prinz die Mauer hinauf und seiner sexuellen Erfüllung entgegenkraxelt, auch das kennt man. Aber warum eigentlich heißt die Grimmsche Märchenbraut "Rapunzel"? Das ist doch ein etwas altertümlicher Begriff für Feldsalat. Würde der Prinz in neudeutscher Fassung also "Feldsalat, Feldsalat!" rufen? Das wäre doch restlos bescheuert! Also: warum heißt die lüsterne kleine Prinzenbraut "Rapunzel"? Sehen Sie, da hört’s dann schon auf. Dazu müsste man das Grimmsche Märchen mal gelesen haben, wozu wir an dieser Stelle aber keine Zeit haben. Deshalb die Story zum Verständnis im Telegrammstil:
Frau ist schwanger. Frau hat Heißhunger. Auf Rapunzel (Feldsalat!). Rapunzel wächst im Garten der Zauberin nebenan. Mann mutig. Mann rupft Salat. Mann wird erwischt. Mann kann sich aber freikaufen. Verspricht der Zauberin das Kind. Zauberin nimmt Kind. Kind heißt wie Heißhunger-Salat von Mutti: Rapunzel (sic!) Kind ist schön. Zauberin sperrt Kind in den Turm. Zauberin kommt zu Besuch. Oft. Klettert immer am Haar vom Punzelchen empor. Weil: Turm hat keine Tür. Kind wird älter. Kind singt. Kommt Prinz, findet: Kind singt schön. Prinz jammert: "Rapunzel, Rapunzel..." Prinz will Liebe machen. Prinz macht Liebe, mit Kind. Prinz und Kind glücklich. Zauberin aber sauer, schwer sauer, schmeißt Prinz vom Turm. Prinz blind. Kind kommt in Wüstenei. Prinz irrt umher. Prinz stolpert in Wüstenei, findet Kind. Kind hat mittlerweile Zwillinge und weint - vor Glück. Kind weint Prinz voll. Mitten in die Augen, die blinden. Da kann Prinz wieder sehen. Alle glücklich. Außer Zauberin.
Also: Das Kind im Turm ist tatsächlich nach dem Gartengewächs Rapunzel bzw. Feldsalat benannt. Doch die von Jacob Grimm in die berühmte Sammlung aufgenommene Rapunzelstory beruhte auf der Übersetzung eines französischen Feenmärchens. Und im Original hießen Kraut und Kind "Persinette", also Petersilie. In der deutschen Übersetzung wurde aus der Petersilie plötzlich eine Rapunzel. Warum weiß keiner. Vielleicht, weil Petersilie in der Volksmedizin als Abtreibungsmittel galt? Egal warum: Streng genommen müsste unser Prinz am Gemäuer darbend also nicht "Rapunzel, Rapunzel" heulen, sondern "Petersilie, Petersilie..." Was für ein Unsinn manchmal in Märchen daherkommt. Erstaunlich!
«ZurückTomaten
Rehabilitation für des Mannes roten Rohstoff
Es gibt eine seltsame Affinität zwischen Frauen und Salat. Frauen lieben Salat. Frauen könnten sich vermutlich allein von Salat ernähren. Weil: Salat ist gesund. Im Salat ist alles drin. Vor allem Tomaten! Frische, rohe Tomaten. Ohne Tomaten kein Salat. Nicht, dass Männer nicht auch Salat mit Tomaten äßen. Manche sogar freiwillig. Die meisten aber werden penetriert: "Iss das jetzt! Mensch, tu mal was für Deine Gesundheit! Tomaten sind doch soooo gesund!"
So, Herrschaften, und jetzt mal aufgepasst: Wenn Sie diese ganze Rohkostsalatgesundheitsdikatatur satt sind, dann sollten Sie die folgenden Erkenntnisse der Wissenschaft in sich aufsaugen, um bei nächster passender Gelegenheit ein argumentatives Feuerwerk entfachen zu können. Also Tomaten, ja klar, die sind tatsächlich unglaublich gesund. Gerade für den Mann. Da ist Lycopin drin. Das ist ein Farbstoff, zählt zur Gruppe der Carotinoide. Und dieses Lycopin verhindert Herzinfarkt und Prostatakrebs. Hat man rausgefunden. In Amerika. Und dieses Lycopin hat sogar noch andere, zellschützende Eigenschaften. Das verhindert die Alterung der Haut, schützt vor Sonnenstrahlen. Also, Tomaten sind wirklich supergesund. Aber eben nicht als Salat! Verstehen Sie Herrschaften: Nicht als Salat! Lycopin kann vom Körper nämlich nur bzw. am besten aufgenommen werden, wenn die Tomaten erhitzt wurden. Dann brechen die Zellhüllen auf, und erst dann kann man ran ans Lycopin - als Mann.
So, und wo sind erwärmte Tomaten drin? Im Ketchup! Verstehen Sie Herrschaften? Im Ketchup! Also weg mit dem Salat! Und aus der Flasche über die Pommes. Und über die Currywurst! Immer feste druff. Das ist gesund! Das ist Krebsvorsorge! Da wird man uralt! Und zwar ohne Falten! Also: Wer isst hier gesund?
«ZurückÜbergewicht
Fast-Food-Junkies auf dicken Pferden
Jetzt ist es also raus: Fast Food macht süchtig! Wer einmal mit Ketchup, Currywurst und Hamburger anfängt, kann nicht mehr aufhören. Wie ein Junkie. Hat man im Tierversuch festgestellt. An der Universität Princeton in den USA. Grund sind Fett und Zucker im Schnellimbiss. Der Zucker lässt den Insulinspiegel durch die Decke schießen, das Fett erzeugt Glückshormone. Sank der Zuckerspiegel, wollten die Versuchstiere den nächsten "Schuss", gierten erneut nach Zucker und Glückshormonen. Und so ging’s immer weiter. Direkt in die animalische Adipositas. Oder in die Entzugserscheinung: Zittern und Zähneklappern. Auch wie ein Junkie. Ob man das Versuchsergebnis auf den Menschen übertragen kann, wird noch bezweifelt. Von der Wissenschaft. Von Fast-Food-Junkies nicht.
Ob zu den Versuchstieren in Princeton auch amerikanische Reitpferde gehörten, dürfte bezweifelt werden. Läge aber nahe. Die werden nämlich auch immer dicker. Alarmierend dicker, zehnmal so dick wie zehn Jahre zuvor: Über 50 Prozent der amerikanischen Gäule sind übergewichtig, 20 Prozent gar adipös. Wie die Junkies, die auf ihnen sitzen. Bei denen liegt’s am Fast Food. Und da weiß man ja jetzt auch warum. Bei den Gäulen liegt es daran, dass sie sich zunehmend auf jenen Weiden mästen, auf denen der Rohstoff fürs Fast Food zur Schlachtreife heranwächst. Das besonders fette Gras der Rinderweiden soll Schuld sein am Übergewicht vom US-Ross. Pferd dick, Reiter dick - da hilft nur eins: reiten, reiten, reiten!
«ZurückWiener Würstchen
Warum Wiener eigentlich Frankfurter sind - und umgekehrt
Es ist, wie so oft im Leben, eine Frage des Standpunkts. Auch beim Würstchen. Man muss eben wissen, wer man ist und was man will. Zum Beispiel: Wenn man als Frankfurter in Wien ein Paar Wiener bestellt, wird man keine Wiener erhalten, sondern blöd angeschaut. Als Frankfurter sollte man in Wien Frankfurter bestellen, wenn man Wiener haben möchte. Wenn hingegen ein Wiener in Wien Frankfurter bestellt, erhält er Wiener. Wenn ein Wiener aber in Frankfurt Frankfurter bestellt, wird man ihm Frankfurter servieren, obwohl er eigentlich Wiener erwartet. Bevor Sie jetzt an Ihrem Verstand zweifeln: Das hat alles seine Ordnung. Man muss nur wissen, wie sich die Dinge zueinander verhalten und wie sie entstanden sind.
Beginnen wir bei den Frankfurtern: Dass die Frankfurter schon immer eine Frankfurter Wurst hatten, spätestens aber seit dem 13. Jahrhundert, bezweifelt niemand. Am wenigsten die Frankfurter. Ursprünglich war es allerdings eine Bratwurst. Die Metamorphose zur geräucherten Siedewurst erfolgte vermutlich erst irgendwann Mitte des 19. Jahrhunderts. Frankfurter sind seither, neben Gewürzen, allein mit Schweinefleisch und Bauchspeck gefüllt. Und sie sind herkunftsgeschützt. So viel zum Frankfurter Würstchen.
Stellt sich als nächstes die Frage: Wie kommen die Wiener in die Wurstwelt? Schuld an den Wienern ist ein Frankfurter. Nein, eigentlich war er ein Gasseldorfer, also ein Oberfranke. Der hieß Johann Georg Lahner (1772-1845), hatte aber im Frankfurter "Worschtquartier" sein Handwerk als Metzger gelernt. Lahner ging auf die Walz, verdingte sich als Ruderknecht auf einem Donaudampfer und erreichte so Wien. Hier fiel er einer Baronin in die Hände, die großen Gefallen an ihm hatte und ihm darob Geld gab, womit sich der Frankfurter in Wien eine Selcherei (Räucherei) einrichtete.
In Erinnerung an die Frankfurter erfand er hier ein neues Würstchen, dem er zum Schweinefleisch erstens Rindfleisch hinzufügte, was er in Frankfurt nicht gedurft hätte, weil die Frankfurter Metzger damals jeweils nur eine Tiersorte verarbeiten durften. Und das er zweitens "Original Wiener Lahner-Frankfurter Würstel" nannte. Beim Wiener blieb aber allein das Frankfurter hängen. Während außerhalb Wiens die ganze Welt von Wienern redet, bestellt der Wiener stur Frankfurter, wenn er Wiener möchte. Was ein Frankfurter in Wien allerdings erhält, wenn er Frankfurter bestellt und auch Frankfurter will und keine Wiener, weiß der Teufel! Hätte Lahner seine Würstchen doch einfach "Gasseldorfer" genannt!
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